Der Wetterbericht hatte durchgehend Regen angesagt, und wir hatten uns schon auf zwei Tage Sintflut eingestellt. So schlimm kam es dann gar nicht. Hie und da ging zwar kurz die Welt unter, aber kaum hatte man sich ans Prasseln gewöhnt, strahlte schon wieder die Sonne, als wäre nichts gewesen. Das albanische Wetter hat offenbar das Temperament eines Kleinkinds: kurz heftig, dann sofort wieder bester Laune.
Weniger gute Laune hatte am Freitag das Stromnetz. Den halben Tag lang war der Strom einfach weg. Zum Glück sind wir mittlerweile Profis: Powerbanks geladen, Akkus voll, Nerven entspannt. Irgendwie hat es uns nicht einmal gestresst. Man merkt, dass wir alle eine Pause brauchen, und die nehmen wir uns gerade. Jeder genießt seinen Rückzugsort. Wir Großen können arbeiten, und die Kinder liegen herum, hören Musik oder Hörbücher und haben das Faulenzen zur Kunstform erhoben.
Das große Highlight kam am Freitagabend: ein kleines Restaurant mitten im Nirgendwo. Die Straße dorthin war einspurig und führte durch eine Sumpflandschaft, und irgendwann waren wir überzeugt, dass wir uns verfahren hatten. Hatten wir nicht. Am Ende wartete ein Lokal, in dem die „Mama“ höchstpersönlich in der Küche stand. Zur Auswahl gab es zwar sechs Gerichte, aber die Wahl hat sie uns gleich abgenommen: Sie hat uns einfach gesagt, was wir heute bestellen und essen werden. Widerspruch zwecklos, und zum Glück auch völlig unnötig, denn sie hat hervorragend gewählt.
Auch hier verabschiedete sich der Strom immer wieder für kurze Zeit. Kommentiert wurde das mit einem Schulterzucken und einem einzigen Wort: „Albania.“ Dann stand eine Taschenlampe auf unserem Tisch, und weiter ging’s. Candlelight-Dinner auf Albanisch, sozusagen. Wir waren so tiefenentspannt und die Stimmung so gelöst, dass es uns kein bisschen gestört hat.
Am Samstag ging es ähnlich gemütlich weiter, bis wir um 3 in den Nationalpark Butrint aufbrachen, um uns das UNESCO-Weltkulturerbe anzuschauen. Und das hat uns schwer beeindruckt. Butrint ist so etwas wie ein Geschichtsbuch, in das jede Epoche ein Kapitel geschrieben hat, ohne das vorherige auszuradieren. Schon in der Antike rankten sich Legenden um den Ort: Laut Vergils Aeneis sollen hier Flüchtlinge aus Troja eine neue Heimat gefunden haben. Ab dem 4. Jahrhundert vor Christus pilgerten Kranke zum Heiligtum des Heilgottes Asklepios, gleich daneben entstand das Theater, auf dessen Steinstufen heute Selfies statt Tragödien entstehen. Unter Kaiser Augustus wurde Butrint römische Kolonie, später übernahmen die Byzantiner. Aus dem 6. Jahrhundert stammt die Große Basilika, durch deren Bögen wir staunend spaziert sind, und das Baptisterium mit seinem berühmten Mosaikboden, der zum Schutz die meiste Zeit unter Sand liegt. Zum Schluss kamen noch die Venezianer und setzten oben auf den Hügel ihre Burg. Seit 1992 steht das Ganze auf der UNESCO-Welterbeliste.
Das Besondere ist aber nicht nur die Geschichte, sondern wie sich alles anfühlt: Der Wald hat sich die Ruinen ein Stück zurückgeholt, in alten Becken spiegelt sich der Himmel, und unten am Vivari-Kanal zieht eine kleine Seilfähre Autos auf einer schwimmenden Plattform ans andere Ufer. Die Mädls kletterten über antike Treppen und posierten im Turmtor, als hätten sie die Burg gerade eigenhändig erobert. Geschichtsunterricht, der sich nicht nach Unterricht anfühlt.
Danach gab es hervorragende Muscheln aus dem Butrint-See und tolle Gespräche mit unseren Kindern. Es ist unfassbar schön, mit den beiden Zeit zu verbringen, ihre Sicht auf die Dinge teilen zu dürfen oder gemeinsam Ideen auszuhecken. Wer hätte gedacht, dass die besten Gespräche ausgerechnet zwischen zwei Muschelschalen entstehen.
Morgen geht’s vermutlich weiter auf unserer Reise. Bleibt dran!
























