Das kleine Haus hatte ja schon einen schweren Start, und das Wetter hat sich in den letzten zwei Tagen solidarisch gezeigt: Regen, Wind, graue Wolken. Der Regen, dem wir mit dem Umzug aus dem großen Zelt so elegant ausgewichen sind, hat uns also trotzdem gefunden. Aber manchmal ist schlechtes Wetter einfach nur ein Programmvorschlag. Und dieser Vorschlag hieß: Monemvasia. Und zwar gleich zweimal.
Beim ersten Besuch am Montag waren wir schlicht zu spät dran, um noch auf das Plateau hinaufzusteigen. Also sind wir durch die Unterstadt geschlendert, durch Torbögen und über glattgetretene Steinstufen, durch Gassen, die so schmal sind, dass man beim Gegenverkehr kurz die Luft anhält. Für den Regen hat sich das Wetter übrigens auf seine Art entschuldigt: mit gleich mehreren Regenbögen über dem Meer. Und dann ist etwas passiert, das man als Eltern nicht planen kann. Dieser Ort hat nicht nur uns Erwachsenen den Kopf verdreht, sondern auch den Kindern. Und zwar sooo sehr, dass wir am Dienstag gleich noch einmal hingefahren sind. Wenn die Mädls freiwillig ein zweites Mal in eine mittelalterliche Stadt wollen, dann muss diese Stadt etwas richtig machen.
Diesmal waren wir rechtzeitig und haben wirklich alles gesehen: den steilen Weg hinauf auf den Felsen, die Hagia Sophia ganz oben an der Klippe, die Ruinen der Oberstadt zwischen Steinen, Gras und gelben Herbstblumen, Gucklöcher im Fels, durch die zwei sehr zufriedene Gesichter lachen, und einen Blick hinunter auf die Dächer der Unterstadt, bei dem einem kurz schwindlig wird. Nicht nur wegen der Höhe.
Monemvasia ist eigentlich eine Insel: ein riesiger Felsklotz, der vor der Küste im Meer liegt und nur über eine schmale Brücke mit dem Festland verbunden ist. Daher kommt auch der Name, „moni emvasis“, der einzige Zugang. Besiedelt wurde der Felsen im 6. Jahrhundert, als sich die Menschen vor den Einfällen der Slawen hierher flüchteten. Ganz oben auf dem Plateau entstand die erste Festung, vermutlich schon unter Kaiser Justinian. Später wurde Monemvasia zu einem wichtigen Hafen zwischen Westeuropa und Byzanz, und seine Seefahrer genossen kaiserliche Privilegien. Im Westen nannte man die Stadt übrigens Malvasia, und unter diesem Namen ging auch der Wein von hier aus in die Welt hinaus. Wer schon einmal ein Glas Malvasier getrunken hat, hat also ein kleines Stück dieser Geschichte erwischt.
Und jetzt schließt sich der Kreis zu Mystras. Erinnert ihr euch an Wilhelm II. von Villehardouin, den Franken, der 1249 die Burg von Mystras bauen ließ? Bevor er sich dort oben breitgemacht hat, hat er Monemvasia belagert, und zwar lange. Erst 1248 ergab sich die Stadt, und auch nur unter der Bedingung, dass sie ihre Privilegien behalten darf. Verhandeln konnten die Monemvasioten offenbar schon damals. Lange währte die fränkische Herrschaft aber auch hier nicht: 1262 musste Wilhelm für seine Freilassung neben Mystras auch Monemvasia an Byzanz zurückgeben. Monemvasia wurde zunächst Sitz des byzantinischen Statthalters auf dem Peloponnes, bis ihm Mystras den Rang ablief. Danach ging es zu wie im Taubenschlag: 1460 unterstellten sich die Bewohner lieber dem Papst als den Osmanen, kurz darauf kamen die Venezianer, 1540 die Osmanen, 1690 wieder die Venezianer, 1715 wieder die Osmanen. Im griechischen Unabhängigkeitskrieg wurde die Festung nach rund vier Monaten Belagerung am 23. Juli 1821 befreit. Anfang des 20. Jahrhunderts zogen die meisten Bewohner hinüber aufs Festland ins neue Gefyra, und 1965 wurde die ganze Halbinsel unter Denkmalschutz gestellt. Von der Oberstadt ist nur die Hagia Sophia aus dem 12. Jahrhundert unversehrt geblieben. Sie war byzantinische Kirche, venezianisches Kloster und osmanische Moschee, ein Gebäude mit drei Lebensläufen. Der Dichter Giannis Ritsos, der hier geboren wurde, nannte Monemvasia ein „steinernes Schiff“, Nikos Kazantzakis das „Gibraltar Griechenlands“. Beides passt.
Und genau hier ist uns etwas klar geworden. Mystras haben wir als Ruinenstadt erlebt: beeindruckend, aber still. Monemvasia dagegen lebt noch. In der Unterstadt stehen Blumentöpfe vor den Haustüren, Tische in den Innenhöfen, abends brennt Licht in den Fenstern, und es wohnen tatsächlich Menschen hier. Dieselben Gassen, dieselben Torbögen, dieselben Steinhäuser, dieselbe Zeit. Jetzt können wir uns erst richtig vorstellen, wie beeindruckend Mystras gewesen sein muss, als dort noch gekocht, gehandelt und gelacht wurde. Mystras hat uns das Skelett gezeigt, Monemvasia das Gesicht dazu.
Nach so viel Geschichte durfte es dann noch etwas Handfestes sein. Wir haben bei Stamatakos Olivegrove in Molaoi vorbeigeschaut, einem kleinen, lokalen Bio-Olivenölhersteller, und kräftig eingekauft. Die Weltmeisterschaft im Zusammenpacken hat damit eine neue Disziplin: Olivenöl-Tetris. Mitgenommen haben wir aber nicht nur Flaschen und Gläser, sondern vor allem ganz viel Wissen. Handwerk, Erfahrung und alte Technik, die hier noch gelebt wird, ganz ohne Hochglanzprospekt. Schön, dass es solche Produzenten noch gibt, und danke für die vielen Infos!
Der heimliche Star des Einkaufs sind die eingelegten Oliven. Mit nur 5 % Salz schmecken sie so vielfältig, dass man sich ernsthaft fragt, was man bisher eigentlich gegessen hat. Das Geheimnis: Den Oliven werden die Bitterstoffe in einem schonenden Prozess entzogen, mit Geduld statt mit der Brechstange. In der Industrie geht man da deutlich brutaler vor, und das schmeckt man. Diese Oliven hier sind der Hammer. Punkt.































