Heute ging es gemütlich los, und das war auch gut so. Die Nacht war kalt, der Morgen auch, und der Körper fühlte sich klamm und ungefähr so beweglich an wie die Festungsmauern von gestern. Also erst einmal in aller Ruhe Kaffee und Kakao, dann packten wir unsere sieben Sachen zusammen. Das geht inzwischen erstaunlich schnell, die Handgriffe sitzen. Nach zwölf Tagen sind wir beim Einpacken ein eingespieltes Team, das ohne viele Worte auskommt. Wer hätte das am Tag 1 gedacht.
Nach dem Frühstück ging es los, hinauf in die Berge im Norden Albaniens Richtung Koman, mit Sonne im Gepäck. Die Straßen sind holprig und großzügig mit Schlaglöchern ausgestattet, was die anderen Autofahrer aber nicht davon abhält, uns trotzdem zu überholen. Die Regel von vorgestern gilt also auch hier: Wer zuerst fährt, gewinnt, egal ob mit oder ohne Stoßdämpfer.
Als wir schon weit im Hinterland waren, passierte etwas völlig Unerwartetes: Plötzlich begann eine neu asphaltierte Straße in hervorragendem Zustand. So glatt, dass man kurz dachte, man hätte sich verfahren und sei irgendwo in Tirol gelandet. In vielen Serpentinen schraubte sie sich hinauf in die Berge. Unter uns im Tal schlängelte sich tiefgrün-blaues Wasser, und der Kontrast zu den grün überzogenen Berghängen war so beeindruckend, dass wir uns eher an einen Fjord in Norwegen erinnert fühlten als an den Balkan. Norwegen, nur mit Sonne.
Mittendrin hielten wir an, vertraten uns die Beine und hatten noch ein kurzes Meeting, mit der Sonne im Rücken und einer fantastischen Kulisse. Wenn schon Videocall, dann bitte mit so einem Hintergrund. Da kommt kein virtueller Filter mit.
Als wir Koman erreichten, traf uns allerdings die Realität mit voller Wucht. Es war wieder unfassbar dreckig, überall lag Gerümpel herum, dazu viele Straßenhunde, und die Übernachtungsmöglichkeiten waren dürftig. Vom Fjord in den Hinterhof in wenigen Kurven. Aber der Plan steht: Morgen wollen wir die Fähre nach Fierza nehmen. Also schlugen wir unser Nachtquartier auf und machten das Beste aus der Situation. Morgen: Leinen los.




