Damit wir uns dieses Abenteuer überhaupt leisten können, fährt die Arbeit leider immer mit: unsichtbar, aber mit Stammplatz auf der Rückbank. Manches lässt sich schnell erledigen oder elegant auf den Abend schieben, aber Meetings sind da stur. Die finden statt, wann sie wollen, ob mit Meerblick oder ohne. Und so war heute Heiner allein für Homeschooling und Kinderbetreuung zuständig. Wobei „Betreuung“ fast übertrieben ist, denn die beiden finden sich immer etwas: Turnen, Dressurarbeit mit ihren „Fantasiepferden“, Schwimmen oder Malen. Pflegeleichter kann man Pferde, die es nicht gibt, kaum halten.
So ging das bis 16:00 Uhr, bis mein letztes Online-Meeting endlich zu Ende war. Dann nichts wie raus zur Festung Rozafa. Das Schöne: Wir mussten nicht einmal das Auto bemühen, denn unser Quartier liegt direkt am Fuße der Burg. Nach dem gestrigen Parkplatz-Desaster mit Anhänger ein echter Luxus. Anna-Luisa hatte offenbar den ganzen Tag Energie angespart und steckte sie jetzt komplett in den Burgweg: Sie lief ihn die meiste Zeit hinauf und wieder hinunter, hinauf und wieder hinunter. Am Ende hat sie den Burgberg vermutlich dreimal bestiegen, wir einmal.
Und oben? Phänomenal. Man blickt über den gesamten See bis nach Montenegro und über weite Teile Albaniens. Im Norden stehen die Berge da, als würden sie gleich jemandem drohen, und im Süden lässt sich das Meer zumindest erahnen. Die Festung selbst muss früher richtig beeindruckend gewesen sein, sehr weitläufig und durchzogen von unterirdischen Gängen.
Natürlich hat so ein Ort auch eine Sage, und die hat es in sich. Drei Brüder sollen einst die Burg gebaut haben, doch was sie tagsüber mauerten, stürzte jede Nacht wieder ein. Ein weiser alter Mann verriet ihnen schließlich, die Mauern würden nur halten, wenn man ein Opfer bringe: Die Frau, die am nächsten Tag das Essen bringt, müsse eingemauert werden. Die Brüder schworen, ihren Frauen nichts zu sagen. Die beiden älteren brachen den Schwur aber heimlich und warnten ihre Frauen, nur der Jüngste hielt Wort. So kam am nächsten Tag Rozafa, seine Frau, mit dem Mittagessen den Berg herauf. Als sie erfuhr, was ihr bevorstand, wehrte sie sich nicht. Sie stellte nur eine Bedingung: Man möge ihr die rechte Brust frei lassen, um ihren kleinen Sohn zu stillen, die rechte Hand, um ihn zu streicheln, und den rechten Fuß, um seine Wiege zu schaukeln. So geschah es, und die Mauern hielten. Bis heute, heißt es, sickert an einer Stelle der Festung milchig-weißes Wasser aus dem Stein, und Mütter kommen hierher, damit ihnen die Milch nicht ausgeht. Eine Geschichte, bei der man als Mutter kurz schlucken muss. Gleichzeitig ist man froh, dass einem heute niemand mehr so etwas vorschlägt, bloß weil man das Mittagessen bringt.
Weniger sagenhaft ist leider der aktuelle Zustand. Nach den drei rosa Schweinen von gestern kann ich es mir nicht verkneifen: Leider sind Menschen keine Schweine, sonst wären sie sauberer. Überall liegt Müll herum, und in den versteckten Ecken riecht es sehr ekelhaft nach Körperflüssigkeiten. Die Burgmauern haben Jahrhunderte überstanden. Den Weg zur nächsten Toilette haben die Besucher offenbar nicht immer geschafft.
Ein Detail hat mich dann noch besonders beeindruckt: die Absturzsicherung. Hier und da gibt es Löcher im Boden, die in ein unterirdisches Gewölbe „führen“, Fallhöhe rund 5 Meter. Gesichert sind sie mit einem Baustahlgitter, das die Öffnung nur dürftig und keineswegs vollflächig bedeckt. Bei uns stünden da drei Absperrbänder, zwei Warnschilder und ein Sachverständiger. Hier glaubt man eben noch daran, dass Menschen mitdenken und aufpassen können 😉
Trotz allem ein wunderschöner Ausflug, und das ganz ohne Anhänger. Am Abend wurde noch gelesen, und schon ging es wieder ins Land der Träume. Morgen fahren wir weiter. Shkodra: abgehakt. Rozafa: unvergessen.

















